Mittwoch, 24. Juli 2019

Zodiac

























Regie: David Fincher

Finchers nächster Serienkiller....

Eine deutliche Steigerung zum Vorgänger "Panic Room", der seltsamerweise trotz klaustrophobischer Ambiente und trotz Jodie Foster merkwürdig uninteressant blieb.
Mit "Zodiac" nimmt David Fincher wieder Kurs auf das Terrain der Serienkillerfilme, er hat ja einen den besten Serienkiller mit "Sieben" inszeniert.
Dennoch ist Zodiac" ganz anders als der düster und auswegslos angelegte "Sieben". Aber ist sachliche und beinahe dokumentarische Variante, die er diesmal wählt ist aber äusserst interessant und nähert sich wie Spike Lees "Summer of Sam" der Thematik ganz anders. Während Lee ein sehr stimmiges Porträit der 70s entwirft und die kriminelle Handlung nur zweitrangig ist, setzt Fincher auf die Spurensuche der Cops und die der Journalisten einer Tageszeitung. Bei ihm dominiert dieses sehr stimmige Puzzle detektivischer Kleinarbeit an zwei Schauplätzen. Der "Zodiac" - so nennt sich der Killer - versorgt die Zeitungsleute mit merkwürdigen Briefen, die codierte Zeichen und Symbole beinhalten.  Der gesuchte Mörder trat in den USA zwischen Dezember 1968 und Okotber 1969 in Erscheinung - er ermordete fünf Menschen, zwei seiner Opfer überlebten schwerverletzt. Zodiac hatte es besonders auf meist junge Paare abgesehen, die in der San Francisco Bay Area einsame Plätze aufsuchten.
Am 4. Juli 1969 schlug der Mörder bereits zum zweiten Mal zu.  Die 22-jährige Kellnerin Darlene Ferrin (Chiara Moritary) erlag ihren Schusswunden, ihr 19-jähriger Begleiter Michael Mageau (Lee Noris, später: Jimmy Simpson) überlebte schwer verletzt.Schon am 27. September 1969 suchte sich Zodiac neue Opfer, die er dann am Lake Berryessa fand. Als schwarz kostümierter Mann stach er auf das Liebespaar Cecelia Shepard (Pell James) und Bryan Hartnell (Patrick Scott Lewis) ein. Da Hartnell schwer verletzt überlebte, konnte er die Aufmachung des maskierten Mannes beschreiben. Ein paar Monate später verübt Zodiac einen für ihn ungewöhnlichen Mord: Statt einem Liebespaar wurde der Taxifahrer Paul Stine von ihm erschossen.
Zeitgleich zu seinen Taten nahm er auch in Form von verschlüsselten Briefen Kontakt mit diversen Zeitungen auf. Während beim San Francisco Police Departement Dave Toschi (Mark Ruffalo) und Bill Armstrong (Anthony Edwards) mit ihren jahrelangen Ermittlungen beginnen, ist das Interesse bei den Zeitungsleuten vom San Francisco Chronicle sofort sehr groß. Der charismatische Journalist Paul Avery (Robert Downey jr) und der Karikaturist Robert Graysmith (Jake Gyllenhal) beteiligen sich interessiert an der Entschlüsselung der bizarren Briefe und somit auch an der Enttarnung des unbekannten Killers. Doch selbst die Hinzuziehung von Staranwalt Melvin Bell (Brian Cox) führt nicht dazu, dass der Unbekannte einen Fehler macht und sich verrät. Die Taten bleiben unaufgeklärt. Obwohl im Laufe der Zeit mit dem seltsamen Arthur Leigh Allen (John Carrol Lynch) ein ganz heißer Verdächtiger ins Spiel kommt. Doch weder seine Handschrift noch die Fingerabdrücke des Täters stimmen mit ihm überein. So wird der Verdacht wieder fallengelassen. Graysmith selbst wird in Sachen "Zodiac" immer obsessiver. Es kommt dazu, dass ihn seine Frau Melanie (Chloe Sevigny) mit den drei Kindern irgendwann resigniert verlässt..





Der Film ist in der Tradition der 70s Doku-Movies wie "Die Unbestechlichen" oder "Der Dialog" gestaltet, deshalb wirkt er in der Machart zwar etwas spröde und braucht ein bisschen Zeit, um an Fahrt zu gewinnen, aber er ist von Anfang bis Ende ein sehr intensives und intelligentes Thrillervergnügen.
Der Film basiert natürlich auf Tatsachen. "Zodiac" ging in die amerikanische Kriminalgeschichte ein und bis heute gibt der Fall Rätsel auf. Der wahrscheinliche Mörder Arthur Lee Allen, wenn er es denn war, wurde nie schuldig gesprochen. Im Jahr 1992 starb Allen im frühen Alter von 58 Jahren. David Fincher hat in seinen Film auch eine Szene einer Filmvorführung von Eastwoods "Dirty Harry" eingebaut, denn der Klassiker von Don Siegel wurde auch von dem Fall inspiriert. Was Dirty Harry gelang, schafften die Ermittler im echten Leben leider nicht. Zodiac selbst war auch ein Fan des 30er Jahre Filmklassikers "Dr. Zaroff" (Original: The Most dangerous game), dies führt den Zeitungsmann, der nicht mehr loslassen kann, auf eine weitere Spur und für den Zuschauer zu einer der spannendsten Szenen des sehr gelungenen Serienkiller-Beitrags.
Man denkt sich, dass man noch lange nicht alle Facetten, die der Film mit ca. 150 Minuten bot, beim ersten Schauen exakt erfasst hat. 





Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Cold Fish

























Regie: Sion Sono

Zu Fischfutter verarbeitet...

Nobuyuki Shamoto (Mitsuru Fukiskoshi) ist ein braver Familienvater und betreibt mit seiner jungen, zweiten Frau Taeko (Megumi Kagurazaka) ein kleines Geschäft für Tropenfische. Die Frau fühlt sich dort nicht wohl, vor allem setzt ihr auch der Hass von Nobuyukis Tochter Mitsuko (Hikari Kajiwara) zu. Das Mädchen ist rebellisch und eines Abends werden die Eltern informiert, dass das Mädchen beim Diebstahl in einem Supermarkt erwischt wurde. Dort hoffen die Eltern, dass der Filialleiter nicht die Polizei einschaltet. Tatsächlich kann das durch die Intervention des Herrn Murata (Denden), dem Inhaber von "Amazon Gold", dem Supermarkt unter den Zierfischläden verhindert werden.
Da es auch Murata war, der den Diebstahl entdeckte und meldete, fühlt er sich - so sagt er - für die junge Frau veranwortlich und will ihr einen Job in seinem Laden anbieten.
Dankend gehen die Shamotos auf dieses großzügige Angebot ein. Es ist auch erstaunlich wie schnell der charismatische und extrovertierte Murata das Leben der dreiköpfigen Familie auf die Probe stellt.
Bald macht er sich zum unentbehrlichen Freund und ist geschickt im psychologischen Manipulieren. Shamoto soll sein Geschäftspartner werden, was auch Muratas schöne junge Frau Aiko (Asuka Kurosawa) zusagt. Doch sehr bald kommt Shamoto hinter das grauenhafte Geheimnis des Yukio Murato. Er ist ein eiskalter Serienkiller, der mit großer Perfektion seine Gegner töten und die Leichen verschwinden lässt, sozusagen den Widersacher unsichtbar macht. Bald wird Shamoto Zeuge des nächsten Verbrechens..

"Cold Fish" ist ein Film über einen Serienkiller, der ca. 60 Menschen auf dem Gewissen hat. Wer sich ihm in den Weg stellt, wird von ihm und seiner Frau zu Fischfutter verarbeitet. Sein neuer Freund wird er zum unfreiwilligen Komplizen des blutrünstigen Paares und gerät in eine Spirale aus Intrigen und Mord, die der Regisseur Sion Sono bizarr und sehr progressiv inszeniert hat.
Dabei offenbart sich im gezeigten Szenario eine hohe Absurdität, aber auch eine massive Gewalt, die den Film nicht für jedermann zum Appettithappen werden lässt. Es wird geschlachtet, dazwischen trinkt man gerne mal ne Tasse Kaffee oder hat Lust auf Sex bekommen.
Harte Kost, die Sion Sono tatsächlich wie rohen Fisch serviert. Ein verrückter Film, der aber voll Originalität steckt und mit interessanten Locations punkten kann.

Bewertung: 8 von 10 Punkten.

Cruising

























Regie: William Friedkin

Killer der Nacht...

In New York geht ein brutaler Serienmörder um. Eine Küstenpatrouille findet Leichenteile im Hafenbecken des Hudson River. Seine Opfer sucht sich der unbekannte Killer in der schwulen Sado-Maso Lederszene aus. Dabei weisen die Getöteten optisch Gemeinsamkeiten auf, was den Polizeichef Edelson (Paul Sorvino) veranlasst einen jungen unverbrauchten Cop, der optisch ins Beuteschema des Täters passt mit einem Spezialauftrag zu konfronitieren. Zuerst ist Sreve Burns (Al Pacino) gar nicht scharf auf den Undercover Auftrag in der Schwulenszene, da er auch seiner Freundin Nancy (Karen Allen) nichts verraten darf. Doch er nimmt an, denn es bietet sich bei Erfolg eine ungeahnte Karrieremöglichkeit bei der Kripo.
Er bezieht mit neuer Identität ein Appartment, lernt dort den Nachbar Ted Bailey (Don Scardino) kennen, der einen eifersüchtigen Liebhaber hat und Nachts mischt er sich unter die Masse von Männern, die auf der Suche nach schnellem, hartem Sex sind.
Dabei ist das Terrain für den heterosexuellen Cop einerseits neu, andererseits fasziniert ihn aber etwas an dieser betont pervers agierenden Subkultur. Bei einer Polizeiorgie wird er aus der Bar geschmissen, weil er sich nicht als Bulle verkleidet hat und so den anderen den Spaß am Fetischsex verdirbt.
Alles nagt an der Identität des Detectives, der bald seinen Chef bittet, dass er aussteigen will.
Doch da wird er auf den Studenten Stuart Richards (Brian Cox) aufmerksam. Ist er etwa der Killer ?
William Friedkin sorgte mit seinem 1980 entstandenen sehr aufregenden Thriller "Cruising" für einen echten Skandal. Dabei gingen vor allem die Homosexuellen auf die Barrikaden, denn sie empfanden, dass der Film nicht gerade gute Werbung für ihre Sache ist, sie befürchteten, dass sich das Image zum Schlechteren wendet.

Mag sein, dass William Friedkin das Spektakel im Sinn hatte, er zeigt das Milieu zwar atmosphärisch dicht, aber auch als Inferno des Untergangs.
Trotz allem ist ihm ein faszinierender Thriller der Nacht gelungen, auch Al Pacino hat großen Anteil daran - zeigt er doch die Faszination des Protagonisten für seine bis dato unbekannte Seite.

Bewertung: 9 von 10 Punkten.

Devils Knot

























Regie: Atom Egoyan

Gott und Teufel in Arkansas...

Mit dem unvergessenen "Das süße Jenseits" gelang dem armenisch-kanadischen Filmregisseur 1997 der internationale Durchbruch. Nachfolgefilm war "Felicia, mein Engel", ein Film über die Beziehung einer jungen Frau zu einem möglichen Serienkiller, der von Bob Hoskins gespielt wurde. Erfolgreich war der Film nicht - er läutete sogar eine Durststrecke für den Filmemacher ein, die er erst 2008 mit "Simons Geheimnis" wieder etwas verbessern konnte. Danach drehte er mit "Chloe" wieder im Thrillergenre, wie auch seine beiden letzten Arbeiten "Devil´s Knot" und "The Captive", die im Grund die Thematik von "Felicia, mein Engel" wieder aufnehmen. Nämlich das Beleuchten einer bösen dunklen Seite der menschlichen Psyche. Während aber in "Felicia, mein Engel" das Böse in der Gestalt eines unscheinbaren Bürgers gezeigt wird, ist diese destruktive Kraft in den beiden neuen Filmen gar nicht fassbar. Atom Egoyan zeigt die Menschen und die Hinterbliebenenen, die Opfer eines Verbrechens wurden. "The Captive" erzählt von einer Familie, deren kleine Tochter enführt wurde und daran langsam die Ehe zugrunde geht. Dabei lebt die Entführte weiter und ihr Mißbraucher wird zur Bezugsperson. Ein harter Stoff, dem leider kein Erfolg bei der Kritik beschieden war, weil Egoyan mehr an der Psychologie seine Figuren interessiert war als an den Konventionen, die vom Publikum bei einem Thriller erwartet werden. Leider muss man sagen gilt dies auch für "The Devil´s Knot", der mich sogar noch mehr begeisterte - aber die Mehrheit der Kritiker und Zuschauer empfanden den Film konfus, ohne Thrill und wenig spannend. 
So bleibt "Devils Knot" vorerst wohl ein unverstandenes Meisterwerk, von dem ich hoffe, dass der Film in einigen Jahren wiederentdeckt wird, denn hier ist dem Wahlkanadier sein bestes Werk seit "Das süße Jenseits" geglückt. Im Grunde gibts sogar Ähnlichkeiten. Denn in beiden Fällen handelt die Geschichte auch von einer Stadt oder Gemeinde, die eine Katastrophe erlebt und dies erst einmal verkraften muß. Egoyan geht dabei sowohl dokumentarisch als auch narrativ vor, was natürlich auch irritiernd empfunden werden könnte. Dabei sind genau in dieser Mischform auch schon geniale Klassiker der Filmgeschichte entstanden, ich erinnere mich da spontan an Otto Premingers "Anatomie eines Mordes" aus dem Jahr 1959. Mögicherweise empfindet man das erstmal als sehr spröde, aber wenn man sich auf die Machart einlässt, dann wird man auch die hervorragende Machart des Films erkennen.
Der Film basiert auf einer wahren Begebenheit, die sich 1993 in der kleinen, christlich fundamentalistisch geprägten Gemeinde West Memphis in Arkansas abgespielt hat.
Eines Abends kommen der achtjährige Stevie Branch und seine Freunde Michael Moore und Christopher Byers nicht vom Spielen zurück. Da die Behörden zunächst keine große Suchaktion starten, durchkämmen Stevies Mutter Pam (Reese Witherspoon) und ihr Ehemann Terry (Alssandro Nivola), der Stiefvater des Jungen, gemeinsam mit anderen Eltern die Nachbarschaft. Ohne Erfolg. Erst ein umfassender Polizeieinsatz in den Wäldern nahe der Gemeinde bringt Licht ins Dunkel: In einem kleinen Bach werden die übel zugerichteten Leichen der Kinder gefunden. Die Grausamkeit der Tat verlangte schnelle Aufklärung und schon bald hat die hiesige Polizei drei verdächtige Teenager ausgemacht. Der Anführer Damien Echols (James Hamrick), dem man eine Verbindung zu einem Satanskult nachsagt und dessen Handlanger Jason Baldwin (Lee Meriwether) und Jessie Misskelley (Kristopher Higgins). Ihnen wird sehr schnell vorgeworfen die Kinder während eines satanistischen Rituals misshandelt und daraufhin erschlagen zu haben. Nach stundenlangen Verhör gesteht auch der geistig zurückgebliebene Misskelley den ihm vorgeworfenen Tatvorgang. Anderen Spuren wird nicht mehr nachgegangen. So gab es Zeugen, die einen blutenden dunkelhäutigen Mann in einer Kneipe sahen, ganz in der Nähe des Tatorts. Auch der junge Chris Morgan (Dan DeHaan) verhält sich bei der Vernehmung äusserst merkwürdig, als die Sprache auf sexuellen Mißbrauch kommt. Ja selbst ein Vater eines der toten Jungen wirkt äusserst suspekt. Doch für die Gemeinde sind die Schuldigen bereits gefunden. Es artet zum Kampf zwischen Gott und Teufel aus und es ist nur allzu logisch, dass der Satan den Prozess verlieren muss. Immerhin steht den Pflichtverteidigern der Teenager mit Ron Lax (Colin Firth) ein versierter und engagierter Ermittler zur Seite, der bald davon überzeugt ist, dass die Falschen auf der Anklagebank sitzen....



 Diese ganze Geschchte hat Atom Egoyan bis zum Schluß enorm spannend inszeniert und ich kann daher die mauen Kritiken für diesen düsteren Thriller nun gar nicht nachvollziehen. Hier befinden wir uns in der gleichen Qualitätskategorie wie "Prisoners" von Denis Villeneuve und dessen hervorragende Machart steht ja ausser Frage.
Zum Glück wurde das ausgesprochene Todesurteil nie vollzogen, denn erstmals im Jahr 1996 lenkte der mit dem Emmy ausgezeichnete HBO-Dokufilm "Paradise Lost" The Child Murders at Robin Hood Hills" die Aufmerksamkeit auf das krasse Schicksal der verurteilten "West Memphis Three". In den folgenden elf Jahren konnten Beweise gesichert werden, die auf einen anderen Täter hinweisen, der dann im Abspann des Films auch genannt wird. Dennoch bleibt der Fall bis heute irgendwie unaufgeklärt und Egoyan gelang es auch ein düsteres Bild des amerikanischen Rechtssystem zu zeigen, ebenso wie der Fanatismus bibeltreuer Christen. Mag ja sein, dass da einiges an Unbehagen aufkommt, ein bequemer Film ist "Devil´s Knot" nun sicherlich nicht.  Da ist man geschockt über die grob fahrlässige Ermittlungsarbeit der Polizei, über die sichtbare Befangenheit des Richters und nicht zuletzt über den christlichen Mob, der sich draussen vor dem Gericht zur Hexenjagd postiert hat und die Todesstrafe für die Jünger Satans fordert.



Bewertung: 9 von 10 Punkten.

The Captive

























Regie: Atom Egoyan

8 Jahre...

In seinem neuen Film "The Captive" blieb der ägyptische Filmregisseur Atom Egoyan (sein Meisterwerk ist und bleibt "Das süße Jenseits") seinem Thema vom Vorgängerfilm "Devils Knot" treu.  Im Grunde handeln beide Filme von Menschen, die zum Teil in ihnen auferlegten oder auch selbst errichteten psychischen Gefängnissen leben. Bei der Kritik und dem Zuschauer hatte er es aber nicht leicht mit dem Winterthriller "The Captive", der sehr stark an Denis Villeneuves "Prisoners" angelehnt ist und auch mit diesem effektiven Thriller verglichen wird. Im direkten Vergleich ist "Prisoners" natürlich spannender, aber Egoyans Film hat auch gewisse Vorzüge. Denn er zeigt uns vor allem ein tragisches und bedrückendes Psychogramm von Entführern, Entführten und Zurückgebliebenen. Die ERmittler kommen als 4. Kraft noch hinzu, aber auch ihnen gesteht der Regisseur eine Distanz zum Zuschauer zu. Optisch liefert er ein erschütterndes Portrait einiger Bewohner einer weiß verschneiten Kleinstadt in Canada. Leider finde ich den Schluß etwas zu optimistisch dargestellt, da hätte man sich ja noch eine halbe Stunde "weiter drauf halten" gewünscht, denn die Figuren, die hier im Film auftauchen, werden auch in Zukunft noch Mühe haben normal weiterzumachen. Die Kritik reagierte vielleicht deshalb etwas ungnädig, weil  Egoyan die üblichen Handlungstrukturen dieses Genres völlig missachtet.  Die von ihm selbst geschriebene Geschichte um die Entführung eines jungen Mädchens und die späten die Auswirkung dieser Tat auf die Familie und das Umfeld, ist fernab von jeder oberflächlichen und effektheischenden Vordergründigkeit und taucht tief in die Psychologie seiner Figuren ein. Konzentriert und sehr ruhig entfaltet sich die Geschichte, die zunächst viel Aufmerksamkeit fordert, da Egoyan anfänglich oft in der Zeit springt, von hinten nach vorne. Das ist vielleicht der einzige Kritikpunkt neben dem Schluß. Aber so wird dem gespannten Zuschauer ein Puzzleteil nach dem andreren auf den Tisch gelegt, am Ende steht das Gesamtbild - und dies ist düster ohne Ende. Matthew (Ryan Reynolds) führt bis vor 8 Jahren eine sehr glückliche Ehe mit seiner Frau Tina (Mireille Enos). Die kleine Tochter Cassandra (Peyton kennedy) hat Talent im Eislaufen und schon einen Tanzpartner (wird später gespielt von Aidan Shipley), der ihr ewige Treue schwört.  An diesem schicksalhaften Wintertag vor 8 Jahren hält Matthew noch mal kurz beim nächstgelegenen Diner, um das gemeinsame Abendessen zu organisieren. Als er zwei Minuten später zurückkommt, fehlt von Cass jede Spur. Der aufgelöste Matt wird von den Detectives Jeffrey Dunlop (Scott Speedman) und Nicole Cornwall (Rosario Dawson) vernommen, die spezialisiert sind auf solche Fälle. Während des Verhörs verwickeln die beiden Beamten Matthew geschickt in Widersprüche, woraufhin der selbst in Verdacht gerät. Die Zweifel sind gesät, seine Frau Tina gibt ihm ohnehin die Schuld und plötzlich ist nicht nur das gemeinsame Kind weg, sondern auch die Ehe liegt in Trümmern. Dann, Jahre später, finden die beiden Polizisten im Internet ein Foto von Cass. Es dient online dazu, um weitere Kinder in ein Portal für Pädophile anzulocken und so den Ring dieser Kinderschänder mit neuen Opfern zu füllen. Bald sieht der Zuschauer auch die inzwischen 8 Jahre ältere Cass (Alexia Fast), für die ihr psychopathischer Entführer (Kevin Durand) inzwischen eine richtige Bezugsperson geworden ist..


.ich denke Atom Egoyan wollte nicht in erster Linie diesen megaspannenden Thriller machen, sondern er interessiert sich für die Gefühlsebene der Protagonisten. Der etwas cholerische Vater gerät ins Fadenkreuz der Ermittler, die dadurch wertvolle Zeit verstreichen lassen den Entführer zu fassen. Egoyan interessiert sich für die leider sehr fatale Entwicklung des Kindes Cass zu der beinahe schon erwachsenen Cassandra, die nach Jahren gar nicht mehr so stark wie ein entführtes Kind reagiert und sich inzwischen in ihrem Gefängnis häuslich eingerichet hat. Hier in diesen Szenen hält Egoyan einfach die Kamera drauf, ohne Erklärung. Sein Blick bleibt häufig distanziert und analytisch kühl - was aber den Zuschauer auch zwingt eigene Gedanken zur Geschichte zu entwickeln. Ich finds gut, dass nicht alles vorgekaut ist. "The Captive" bietet Raum für eigene Gedanken. Gelungen auch die souveräne Kameraarbeit von Paul Sarossy, der auch schon für "Das süße Jenseits" verantwortlicher Cinematograph war. Er fängt den Winterfilm sehr schön ein und ich liebe ja Thriller, die im Schnee und Eis spielen, sowieso. Egal...von" Fargo2 zu "Sam Raimis "Ein einfacher Plan bis hin zu Schraders "Der Gejagte".

Bewertung: 8 von 10 Punkten.

Prisoners



















Regie: Denis Villeneuve

Labyrinth...

Der kanadische Filmemacher Denis Villeneuve wurde vor allem durch seinen weltweiten Erfolg des Nahostdramas "Die Frau, die singt" bekannt. Für mich einer der besten Filme der letzten Jahre. Und auch sein Ausflug ins Thriller und Serienkillergenre "Prisoners" ist ein echter Volltreffer. Endlich wieder einmal ein spannungsintensiver Topfilm gelungen, der sich qualitativ endlich mal wieder den großen Werken seiner Gattung wie "Das Schweigen der Lämmer" oder "Sieben" nähert. Dabei setzt der Regisseur vor allem auf den extrem düsteren Blick in seine Geschichte, in der sich sehr schnell menschliche Abgründe auftun. Blicke und einzelne Kameraeinstellung verfolgen den Zuschauer nachhaltig, als kleines Beispiel sei die Anfangssequenz genannt, in der die Kids vor einem geparkten Wohnmobil spielen und die Kamera das Innere des wohnzimmern und das Fenster zeigt. Man erahnt nur, dass die Kinder beobachtet werden - solche Szenen gibt es viele in diesem traumatischen Schocker, kleine Details - große Wirkung. Kein Wunder, wenn der große Roger Deakins (No country for old men; Jarhead, Die Verurteilten, Fargo, Barton Fink, Kundun, Skyfall) hinter der Kamera steht.
Die Geschichte spielt irgendwo in Pennsylvania. wo die Naturidylle zur Schreckenskulisse eines Alptraums wird.  Alles beginnt am Thanksgiving Day. Keller Dover (Hugh Jackman) geht zuerst noch mit seinem Sohn Ralph (Dylan Minette) auf die Jagd, der Junge muss ein Reh schießen, was er wohl vor allem deshalb tut, um seinem Dad zu imponieren. Dann gehts mit der ganzen Familie, Frau Grace (Maria Bello) und der kleinen Anna zu den Nachbarn. Mit Franklin Birch (Terence Young), dessen Frau Nancy (Viola Davis) und deren beiden Kids ist man schon lange befreundet. Während die Feier läuft, der Braten in der Küche zubereitet wird, gehen die beiden kleinen Mädchen Anna und Birchs Tochter Joy draussen zum Spielen. Dort steht ein Wohnmobil auf der Straße. Wenig später sind die Kinder verschwunden und die Polizei wird eingeschaltet. Detective Loki (Jake Gyllenhal) ermittelt und das wohnmobil kann sehr schnell gefunden werden. Der Fahrer heißt Alex Jones (Paul Dano), ist geistig behindert und begeht zuerst in verdächtiger Weise Fahrerflucht. Beim anschließenden Verhör gibts allerdings keine  Anhaltspunkte für seine Täterschaft. Doch Keller Dover sieht dies anders und beginnt verzweifelt eigenen Nachforschungen in Selbstjustiz-Manier...


 Spannende 153 Minuten kann der Zuschauer erwarten, dabei hat der Film keinen einzigen Durchhänger, er ist von Beginn bis Ende einfach rund. Sehr gute Darstelerleistungen von Hugh Jackman, der den verzweifelten Familienvater spielt, der sich immer tiefer in Gewalt verstrickt. Dazu ein undurchsichtiger Paul Dano, bei dem man als Zuschauer selbst in Zweifel kommt. Und natürlich Oscargewinnerin Melissa Leo, die hier wieder preiswürdig die Tante Holly Jones des jungen Alex spielt.
Die Umgebung wirkt genauso wie das traumatische Ereignisse wenig einladend, denn es regnet sehr oft in Strömen und irgendwann schneit es. Was natürlich zusätzlich den verstörenden Charakter der Geschichte offenbart. Villeneuve zeigt Menschen in einer ausserordentlichen Grenzerfahrung und ihre Bereitschaft sehr weit zu gehen in ihrem Schmerz und mit einer permanenten Verlustangst. 


Bewertung: 9 von 10 Punkten. 

Geständnisse

























Regie: Tetsuya Nakashima

Eine Lehrerin sieht rot...

Der letzte Tag des Schuljahres an der Junior High ist angebrochen. Im Klassenzimmer herrscht auch während des Unterrichts wie immer Unruhe, die Lehrerin Yuko Moriguchi (Takako Matsu) hat es sichtlich schwer die unaufmerksamen Schüler als Zuhörer zu gewinnen. Sie unterhalten sich gegenseitig, während einige die Milch, die an die Schüler ausgegeben wurde, während der Stunde trinken.
Yuko Moriguchi verkündet, dass es heute für sie der letzte Schultag ist, denn sie hat gekündigt. Den Schülern ist der schwere Schicksalsschlag der Frau bekannt, Ihre kleine vierjährige Tochter Manami ist vor einigen Monaten im Schwimmbecken der Schule ertrunken.
In ihrer Abschiedsrede erzählt die Frau aber von Ermittlungen, die ergeben haben, dass der Unfall ein grausamer Mord war - begangen von zwei Schülern dieser Klasse.
Durch diese schockierenden News wird es zunehmend ruhiger im Klassenzimmer.
Da aber die beiden Täter noch minderjährig sind, werden sie die gerechten Strafe entgehen.
Aus diesem Grund hat die Lehrerin beschlossen das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen und an den beiden Schülern ein Exempel zu statuieren, das Ihnen auf grausame Weise lehrt das Leben zu schätzen.
Deshalb hat die Frau auch die Milch der beiden Schülern mit HIV-positivem Blut injiziert.
Ein Schock macht sich im Klassenzimmer breit. Frau Moriguchi spricht im Zusammenhang mit den Tätern von Schüler A (Yukito Nishii) und Schüler B ( Kaoru Fujiwara).
Schüler A heisst Shuya, ist hochbegabt - wird aber von der Klasse aufgrund seines Status als Aussenseiter gemobbt.
Schüler B ist Naoki, einer ruhiger Schüler, der die Gunst von Shuya erringen will.
Beide Schüler offenbaren in der Geschichte nach und nach ein Geflecht aus kaputten Beziehungen.
Durch den Racheplan der Lehrerin beginnt eine grausame Spirale aus Mord und Wahnsinn, in denen beide Mütter der Täter (Yoshino Kimura, Ikujo Kuroda) eine tragende Schlüsselrolle spielen und der neue Lehrer Werther (Masaki Okada) und die Mitschülerin Mizuki (Ai Hashimoto) in den Strudel der daraus entstehenden Gewaltorgie hineingezogen werden....


"Geständnisse" ist ein eindrucksvoller japanischer Psychothriller des Regisseurs Tetsuya Nakashima aus dem Jahr 2010. Die Romanvorlage stammt von Kanae Minato.
Ein Rachethriller, der aus mehreren Perspektiven heraus erzählt wird und sich langsam immer mehr dem Wahnsinn nähert. Dabei werden Themen wie AIDS, Amokläufe und Selbstmord in die traurige Geschichte eingebettet. Es fliesst kein Blut, dafür wird aber ein ausgefleiltes psychologisches Ballett von Menschen gezeigt, deren Beziehungen gestört sind und die sich ausserhalb gängiger Konventionen bewegen.
Der Inszenierungstil ist durch die Mischung aus Melodram und Comic etwas schrill geraten, das macht aber die hohe Eigenständigkeit des Films aus. Gelegentlich wird man an die Arbeiten des Südkoreaners Park Chan-wook (Old Boy) erinnert, aber auch Stanley Kubrick kam mir beim Schauen in den Sinn.
Tetsuya Nakshima erweist sich mit "Geständnisse" als Meister der Groteske, denn es macht ihm sichtlich Vergnügen die Protagonisten mit immer mehr Bosheiten und Abartigkeiten darzustellen, gibt ihnen aber immer auch psychologisch plausible Motive für ihr Handeln.
Am Ende siegt der mörderische Hass und vor allem der Zynismus in unserer kalten Zeit.
Für mich ist "Geständnisse" ein grandioser Genrefilm. Einer der bisherigen Highlights unseres noch neuen Filmjahrzehnts.

Bewertung: 10 von 10 Punkten.